K.A.V. Sanctottensis

 

Prolog

Eine Verbindung im dritten Jahrtausend nach Christi Geburt mag dem ein oder anderen anachronistisch erscheinen und schon gar die Gründung einer katholischen Verbindung, doch ist es wieder einmal geschehen. Allein die Tatsache dieser Gründung weist den angeblichen Anachronismus in die Schranken, wie könnte etwas gegen die Zeit geschehen, das doch geschehen ist: ein Paradoxon! Katholische Verbindungen sind vielmehr „pro“-chronistisch, sie sind in der Zeit und mit der Zeit. Das erklärt sich aus der Grundlage einer katholischen Verbindung, die versucht im Einklang mit der Kirche Jesu Christi Gottes Willen auf der Erde zu  bejahen und in der Hoffnung auf ein Leben in Fülle die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die ihr geschenkt wird, weiter zu geben. Eine katholische Verbindung in Heiligenkreuz muss den Ansprüchen genügen, die die Kirche an uns stellt. Diese Ansprüche subsumieren wir unter dem Prinzip Religio. Es war ein Akt des Zufalls, wie es viele bezeichneten und doch wahrscheinlicher ein Gnadenakt. Am Tage seiner Wahl genehmigte unser Hochwürdigster Herr Abt Maximilian Heim OCist die Gründung einer katholischen Verbindung in Heiligenkreuz.

Aus dem Prinzip Religio und dem Auftrag einer Verbindung erwächst uns in erster Linie auch die Sorge um den Nächsten. Da der Nächste an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz Benedikt XVI. in den meisten Fällen ein Student, Mönch oder Professor ist, dürfen wir davon ausgehen, dass es ein soziales Miteinander geben soll. Ein geeigneter Platz dieser Begegnung darf eben diese Verbindung sein. Ehemalige Studenten, die ihren Weg nicht in Heiligenkreuz fortsetzen dürfen aber nicht vergessen werden. Es stellt sich die Aufgabe diese am Miteinander in geeigneter Form teilhaben zu lassen. Ihnen steht der Besuch der Gemeinschaft offen. In einer katholischen Verbindung nennt man diese Nächsten Alte Herren oder Philister und das Miteinander versteht sich im Prinzip Amicitia verwirklicht.

Die Benedictina, das heißt die Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. zu Heiligenkreuz ist eine Hochschule päpstlichen Rechts. Ihre Statuten richten sich nach den Vorgaben unserer Mutter Kirche, deren Sachwalter auf Erden der Papst ist. Als uns Ehre und Auftrag aus Rom ereilte änderte sich dadurch die Vergabe des Studienabschlusses. War die Hochschule zuvor eine zisterziensische Hochschule die nicht das Recht besaß das Magisterium zu verleihen und durch die Anerkennung der Studien von der Universität Wien ihren Studenten die Möglichkeit eines Wiener Universitätsabschlusses ermöglichte, so fiel durch die Übernahme der römischen Statuten die Hochschule nun unter das österreichische Gesetz für private Hochschulen. Die Sponsion der Hochschulabsolventen konnte in der Benedictina selbst begangen werden. Die Voraussetzung für ein wissenschaftliches Streben an der einzigen Zisterzienserhochschule der Welt waren seit 2007 gegeben. Das Prinzip Scientia, das einem katholischen Korporierten den lebenslangen Wissensdrang nahelegt hat seinen Anfang im Studium. 

Die Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. ist ein Ausbildungszentrum für deutschsprachige Theologiestudenten. Neben den österreichischen Studenten finden naturgemäß auch deutsche und schweizerische Studenten und Studentinnen den Weg nach Heiligenkreuz zur Ausbildung. Aber auch aus vielen anderen Ländern der Welt, kommen Studenten, die sich dem Zisterzienserorden und der deutschen Sprache verbunden fühlen um sich dem Studium der Philosophie und der Theologie hinzugeben. Der Mensch ist in seiner religiösen Bindung an Gott auch immer ein politischer. Das politische Denken ist im Wortsinn und in seiner allgemeinen Bedeutung eng mit der Stadt verbunden, die schon in der Antike ein sozialer Ort war. Diese Tatsache ist im Prinzip Patria enthalten, das uns Christen auch immer mit der Gesellschaft verbindet in der wir leben. Die Verbindung in Heiligenkreuz hat somit allen Grund zunächst auf das unmittelbare Gemeinwesen zu schauen, in dem sie liegt: Österreich. Ein Blick auf größere Gemeinschaften soll aber nicht verschwiegen werden, zumal die Hochschule weit über Österreich hinaus wirkt und Anziehungskraft besitzt. Der Leitgedanke der Subsidiarität ist dem Cartellverband seit seiner Gründung nicht fremd, er ist vielmehr eines seiner unzerstörbaren Fundamente. Nicht zuletzt wegen seiner schon im 19. Jahrhundert gelebten grenzübergreifenden katholischen Solidarität. Waren doch Verbindungen des Cartellverbandes in den deutschen Ländern, die später das Deutsche Kaiserreich bildeten, im Österreichischen Kaiserreich und in der Schweiz gleichberechtigt und weitestgehend selbständig durch die vier Prinzipien verbunden. Das Korporationswesen besteht in der einzigartigen Form Mitteleuropas nur in den Ländern mit Jahrhunderte alter Tradition einer Art von Föderalismus. Dieser konnte sich auf dem Boden des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nationen bilden, weil die Macht im Reich nur bedingt vom Kaiser ausging, sondern vielmehr in der oligarchischen Struktur der beteiligten Staatsgebilde lag. Das Römische Reich war nach heutigen Gesichtspunkten weder ein Staatenbund, noch ein Staatenbündnis oder gar ein Bundesstaat. Es war ein Bund gemeinsam agierender staatlicher Gebilde jeglicher Konstitution. Das einende Element lag nur in der Person eines gewählten Kaisers, der christlichen Religion und in großen Teilen auch der Sprache. Dem Grundprinzip einer solchen Einigung steht das nationalistische und zentrierte Prinzip des Frankenreichs gegenüber, das in seinem Übergang zum Nationalismus jede freizügige Staatsauffassung zunichte machte. Ein in dieser Weise zentralisiertes Staatswesen zerstört auch die Einheit in Vielfalt des Korporationswesens, wie der Nationalsozialismus und jede nationalistische Bewegung in unseren Breiten zu beweisen scheint. Die Verbindungen und im besonderen die katholischen verdanken also ihre Identität und ihre Existenz der Geschichte des neueren Römischen Reiches, auch wenn sie sich erst nach dessen Selbstauflösung bildeten. In ihnen lebt auch heute noch ein Stück des mittelalterlichen Reiches weiter, das Europa über tausend Jahre Stabilität, Identität und Freizügigkeit gewährleistete.